Seit über 600 Jahren ist das Häuser-Ensemble am Römerberg Zentrum der Frankfurter Stadtpolitik und Sitz des Oberbürgermeisters sowie der Stadtvertreter. Die Geschichte des Rathaus-Komplexes ist dabei geprägt von zahlreichen Um-, An- und Neubauten.

Die umfangreichste Baumaßnahme war wohl der Neubau des Rathauses zwischen 1900 und 1908, nachdem mehrere Dutzend Häuser auf insgesamt 19 Grundstücken, die die Stadt gekauft hatte, abgerissen worden waren. Dies bot erstmals die Möglichkeit, den Rathausbau großflächig zu erweitern: Zwischen Großem Kornmarkt, Barfüßergasse und Paulsplatz entstand der Nordbau, südlich der Paulsgasse, der heutigen Bethmannstraße, der Südbau.

Insgesamt wurde dieser Neubau von den Frankfurter Bürgern sehr positiv angenommen, die sich schnell mit ihrem Neuen Rathaus identifizierten. Allgemein befand man, dass es den Architekten Franz von Hoven (1842–1924) und Ludwig Neher (1850–1916) geglückt sei, Vergangenheit und Gegenwart gekonnt miteinander zu verbinden, so dass der Neubau sich harmonisch in seine Umgebung einfüge.

Zu den auffälligsten Merkmalen des neuen Rathauses zählten die beiden Türme an der Westseite des Südbaues, wobei dem großen Rathausturm dabei besonders viel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Da von Hoven und Neher die Stadt als einheitliches Gefüge betrachteten, platzierten sie den großen Turm an der nordwestlichen Ecke des neuen Südbaues ausgesprochen prominent – als Zeichen städtischer Autonomie.

Als Vorbild für den hohen Aufbau des großen Rathausturms diente der 1765 abgerissene Sachsenhäuser Brückenturm, auch wenn man diesen nicht in allen Details exakt kopierte, sondern vielmehr nachempfand. Neben dem Aufbau mit seinen vier ausgeprägten Ecktürmen und dem steilen Dach, das von einem Dachreiter gekrönt wurde, waren auch die dekorativen Teile des Turms auf Fernwirkung bedacht. Über dem Kranzgesims an der West- und Ostseite prangte je ein rund drei Meter hoher steinerner Frankfurter Adler, nach Norden und Süden zeigten zwei Uhren auf fast vier Meter großen Zifferblättern die Zeit an. Die Glocken des Uhrwerks wurden „Cornelia“ und „Frau Rat“ genannt, nach den beiden Frauen im Hause Goethe.

 

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Außerdem schmücken zwei Glasmosaikbilder den Turmschaft: nach Osten der heilige Florian als Schutzpatron gegen Feuersbrunst von Robert Forell und nach Westen der heilige Michael von Karl Julius Graetz als Schutzpatron der Schwachen. Für den Sockel des Turms wählten die beiden Architekten Buckelquader in Basalt, die sonst glatt verputzten Wände wurden nur durch einige wenige Fenster unterbrochen. Lediglich Richtung Bethmannstraße befindet sich ein Erker im Stil der Frührenaissance, hinter dessen Fenstern ab 1905 Oberbürgermeister Franz Adickes residierte.

Das damals rund 70 Meter hohe Bauwerk überragte die benachbarte Paulskirche um 10 Meter und blieb nur etwa 25 Meter unter dem Domturm. So war der Rathausturm vom Hauptbahnhof aus gut zu sehen und symbolisierte damit bereits aus der Entfernung die Bedeutung des Bauwerks. Schnell wurde die Silhouette des stolz über der Stadt thronenden Turmes zu einem Wahrzeichen unserer Stadt: eines der ersten Elemente der Frankfurter Skyline.

Nicht nur den Architekten, sondern auch dem damaligen Oberbürgermeister Franz Adickes (1846–1915) lag die Positionierung des großen Rathausturmes am Herzen; schwärmte das Stadtoberhaupt doch für stadträumliche Strukturen, Sichtbeziehungen und ordnende Elemente in der Stadt, die dafür Sorge tragen, dass ein einprägsames Stadtbild entsteht, in dem sich der Bewohner orientieren kann. Adickes‘ Liebhaberei für Bauwerke, die derart das Stadtbild prägen, mag zurückzuführen sein auf seine Reise nach Straßburg im Jahr 1892, auf der ihn vor allem die Durchblicke zum Münsterturm faszinierten. Etwas Ähnliches auch in Frankfurt zu sehen, muss dem energischen Oberbürgermeister Richtschnur für die Umsetzung gewesen sein. So wundert es auch nicht, dass Franz Adickes später auch sein Dienstzimmer in den Turm verlegte – wegen der besonders guten Aussicht. Daher dauerte es auch nicht lange, bis der Turm nach dem baumlangen Oberbürgermeister benannt wurde und seitdem im Volksmund „Langer Franz“ heißt.

Auch der zweite, etwas niedrigere Turm an der Südecke war angelehnt an ein altes Frankfurter Bauwerk: Der kleiner Bruder entsprach in seinem Dachaufbau dem des Salmensteinschen Hauses, das um 1350 auf der alten Stadtmauer von Frankfurt erbaut wurde, am Fischerfeld. Dieser Turm erhielt von der Bevölkerung den Namen „Kleiner Cohn“ in Anspielung auf ein antisemitisches Operettenlied, das im Jahr 1900 herauskam. Aus diesen Gründen wird der Turm heute als „Kleiner Rathausturm“ bezeichnet.

Damit hat jeder was am Hut

Ob Bürger oder Bürgermeister, Bänker oder Punker, Gast oder Gastronom – viele Frankfurter engagieren sich für den Wiederaufbau der Turmspitze des Langen Franz. Hut ab für alle, die sich einreihen und mithelfen, unserer Stadt ein besonderes Stück Skyline zurückzugeben.